Wie ich beim SiN-Gewinnspiel ohne einen eigenen Tipp gewonnen habe

weissheit der vielen gewinnspielVor kurzem hat Peer auf seinem Blog selbstaendig-im-netz.de ein Gewinnspiel anlässlich der Veröffentlichung von 4000 Beiträgen gestartet. Um an einen der Preise zu gelangen, sollte man schätzen, wie viele Wörter er mit diesen 4000 veröffentlichten Beiträgen geschrieben hat. Ich fand die Idee dahinter so cool, dass ich selbst mitgemacht habe. Allerdings habe ich keinen eigenen Tipp abgegeben, sondern die Teilnahme mit einem kleinen Experiment verbunden. Heute hat Peer die Ergebnisse veröffentlicht und ich habe es tatsächlich mit meinem Tipp auf Platz 16 von 337 geschafft. Wie mir das gelungen ist und was man daraus lernen kann, das möchte ich euch nachfolgend sagen.

Die Weisheit der Vielen

Lass mich dafür auf eine kleine Geschichte zugreifen, die angeblich so auch echt passiert ist. Im Jahr 1906 wurde auf der westenglischen Nutztiermesse ein ähnliches Gewinnspiel durchgeführt. Damals musste man allerdings keine Wortanzahl schätzen, sondern das Schlachtgewicht eines Rindes. Neben vielen neugierigen Besuchern waren auch einige Experten anwesend, wie beispielsweise Metzger, und jeder konnte unabhängig voneinander einen eigenen Tipp abgeben. Hat man nun den Mittelwert von allen abgegebenen Stimmen ermittelt, dann wich dieser Mittelwert aller Schätzungen lediglich 0,8 Prozent vom tatsächlichen Gewicht ab. Die „Weisheit der Vielen“ war damit viel genauer als die Tipps der Experten. Im Laufe der Zeit konnten ähnliche Experimente und Beobachtungen das Phänomen bestätigen. Spannende Fälle und weitere Hintergründe zu diesem Phänomen findet man beispielsweise im lesenswerten Buch Die Weisheit der Vielen: Warum Gruppen klüger sind als Einzelne und wie wir das kollektive Wissen für unser wirtschaftliches, soziales und politisches Handeln nutzen können* (Originaltitel: The wisdom of crowds. Why the many are smarter than the few and how collective wisdom shapes business, economies, societies and nations) von James Surowiecki aus dem Jahr 2004. Der Titel hört sich übrigens trockener an als der Inhalt ist 😉

Ich wollte die „Weisheit der Vielen“ selbst ausprobieren und habe deshalb erst relativ spät am Gewinnspiel mitgemacht. Dadurch, dass alle Stimmen öffentlich abgegeben wurden, konnte ich aus diesen selbst einen Mittelwert bilden und habe diesen dann eingereicht. Insgesamt habe ich 275 Tipps ausgewertet, wobei der Mittelwert (arithmetisches Mittel) 4.486.504 Wörter betrug (die Zahl habe ich eingereicht) und der Median 3.948.512 Wörter (siehe folgende Excel-Datei). Ich war mir nicht ganz sicher, ob Median oder Mittelwert der richtige Wert war, denn das arithmetische Mittel reagiert stärker auf Ausreißer. Davon gab es in den 275 Tipps allerdings relativ wenig, weshalb ich mich dann doch für das arithmetische Mittel entschieden habe. Letztere Tatsache könnte übrigens auch ein Grund sein, warum mein Tipp dann doch so „schlecht“ abgeschnitten hat. Denn natürlich sind nicht alle Gruppen weise. Man denkt nur an die Börse, wo Gruppen Crashs und Booms herbeiführen können, ohne dass diese auf fundamentalen Daten gestützt sind. So gibt es einige Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit eine Weisheit der Massen vorliegt. Dazu zählen

  • Meinungsvielfalt
  • Unabhängigkeit
  • Dezentralisierung
  • Aggregation

Insbesondere der zweite Punkt war durch die öffentliche Bekanntmachung der eigenen Tipps verletzt. So nimmt man sich gewöhnlich einen Maßstab, bevor man einen eigenen Tipp veröffentlicht und schaut, was die letzten fünf Teilnehmer getippt haben und passt daraufhin seinen eigenen Tipp an. Das würde auch erklären, warum es nur so wenig Ausreißer gab. Ich könnte mir vorstellen, dass wenn jeder seinen Tipp Peer persönlich per Mail geschickt hätte, die Streuung um einiges größer gewesen wäre.

Was lernen wir daraus

Zum einen lernen wir natürlich, dass es sich unter bestimmten Voraussetzungen sehr wohl lohnen kann, wenn man auf die Weisheit der Masse hört. In Zeiten von Big Data wird diese Erkenntnis umso interessanter. Und hier wären wir schon beim zweiten Punkt. Schon jetzt sammelt jeder Webmaster freiwillig oder unfreiwillig, wissentlich oder unwissentlich massig Daten über die eigenen Besucher und Kunden. Doch wer wertet diese Daten auch aus? Und damit meine ich nicht, dass man sich lediglich einzelne Kennzahlen, wie beispielsweise die Besucher oder die Absprungsrate einmal die Woche ansieht und sich dann freut oder das Gesicht verzieht. Es geht darum systematisch die eigenen Daten auf Muster zu überprüfen, Hypothesen aufzustellen und das Ganze auch einmal aus einem mathematischen Blickwinkel zu betrachten. Klar, dafür braucht man ein grundlegendes mathematisches Verständnis und auch Kenntnisse in Statistik sind nicht verkehrt, auf kurz oder lang wird man aber so mehr aus seinem eigenen Business herausholen können. Große Technologie-Unternehmen wie Google, Amazon und Facebook machen es vor. In Zukunft werden Daten eine noch wichtigere Rolle als heute spielen, es ist an der Zeit selbst analytisch aktiv zu werden. Oft habe ich den Eindruck viele Menschen sind mathematisch aus ihrer Schulzeit so geschädigt, dass sie sich das gar nicht zutrauen. Das ist aber der falsche Ansatz, man muss sich trauen, experimentieren und meinetwegen auch scheitern. Nur so erreicht man die nächste Stufe!

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